Hochsensibilität. Braucht es diesen Begriff wirklich?

 

Würdest Du Dich selbst im Austausch mit anderen  als „hochsensibel“ bezeichnen? Oder gibt es andere Begriffe, die Du verwendest, um Dein feinfühliges Wesen zu beschreiben?

In diesem Blogbeitrag möchte ich darüber sprechen, wann ich die Verwendung dieses Begriffes sinnvoll finde oder als einschränkend erlebe. Es sind meine eigenen Gefühle und Gedanken, die ich in diesem Blogartikel transportiere, diese können für Dich ein Impuls sein, Deinen ganz eigenen Umgang mit dem Begriff der Hochsensibilität zu finden.

Die erste Entdeckung des Begriffes Hochsensibilität ist für viele Menschen lebensverändernd

Ich bemerke immer wieder, wie wertvoll es für Menschen ist, die mit dem Begriff der Hochsensibilität das erste Mal in Kontakt zu kommen. Das kann lebensverändernd sein. Viele sensible Menschen fühlen sich schon in ihrer Kindheit irgendwie „anders“. Dieses Gefühl kann erst einmal einen großen Schmerz und eine Getrenntsein von anderen auslösen. Die Entdeckung der Hochsensibilität liefert dann eine wertvolle Erklärung, für die intensive Wahrnehmung und Gefühlswelt. Es tut gut zu wissen, dass ich nicht alleine damit bin, sondern dass es viele Menschen gibt, die genauso sensibel sind wie ich selbst.

In diesem Moment kann diese Eingrenzung wertvoll erscheinen. Doch dann kommt die wichtige Frage: Wie möchte ich meine Erkenntnisse über mich selbst mit anderen Menschen kommunizieren, die nur schwer nachempfinden können, wie ich die Welt wahrnehme. Welche Begriffe verwende ich dann? Was fühlt sich da für mich stimmig an?

Meine persönlichen Gefühle gegenüber dem Begriff der Hochsensibilität

Ja, genau ich bin Coach für hochsensible und vielbegabte Menschen und ich schreibe einen solchen Artikel. Etwas paradox? Oder vielleicht eine wertvolle Konsequenz aus meiner Arbeit mit wunderbaren feinfühligen Menschen, die ihre Sensibilität immer als eine Gabe entdecken wollen, anstatt mit einer andauernden Überförderung zu leben? Aber eigentlich begann alles mit einem Gefühl, dass ich schon seit der Entstehung von Achtsam- Sensibel mit mir herumschleppe. Es fiel mir schwer, mich klar bezüglich meiner Zielgruppe zu positionieren. Da immer das starke Gefühl da war, das ich sensible Menschen im Allgemeinen erreichen will. Erst setzte ich das „hoch“ in Klammern, also (hoch)sensibel dann kam die Klammer wieder weg, weil ich dachte, ich müsste doch Klarheit in meine Positionierung bringen. Und vor Kurzem habe ich für mich erkannt, dass ich den Begriff „Hochsensibilität“ viel bewusster und nur wenn ich ihn als Eingrenzung wichtig empfinde, verwenden möchte. Jetzt fragst Du Dich vielleicht, warum ich mir darüber, eigentlich so viele Gedanken mache. Ich glaube, dass die Begriffe die wir tagtäglich verwenden von großer Bedeutung sind. Da sie Einfluss auf unser Erleben und Handeln haben. Und genau deswegen war es für mich besonders wichtig, dieser Frage nachzugehen.

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Ich glaube daran, dass es besonders sensible Menschen gibt, da ich eine von ihnen bin.

Ganz klar geht es um den Begriff und nicht um das, was dahinter steht. Ich finde die Arbeit von Elaine Aron, die diesen Begriff begründet hat, sehr wertvoll. Und ich glaube auch daran, dass es besonders sensible Menschen gibt, da ich selbst eine von ihnen bin. Und genau deswegen konnte ich meine Gefühle gegenüber dem Wort Hochsensibilität nicht übergehen.

Ich habe in meiner Arbeit diesen Begriff durch wahrnehmungsbegabt, feinfühlig und schlichtweg durch sensibel ersetzt. Es fühlte sich wie eine große Öffnung an, um fernab von irgendwelchen Schubladen und Kategorisierungen, sensiblen Menschen mit einem ganzheitlichen Blick zu begegnen. Denn kein Mensch passt in eine Definition, das ist der Leitspruch meines Herzens.

Welche Wirkung hat der Begriff Hochsensibilität auf die Gesellschaft?

Glaube mir es, ist immer sehr spannend, wenn ich anderen Menschen erkläre, was ich eigentlich beruflich mache. Dann schauen mich meine Gesprächspartner oft sehr verwundert an, weil sich noch nie etwas von der Hochsensibilität gehört haben. Und davon gibt es immer noch sehr viele Menschen, was ich gelegentlich vergesse, weil ich mich täglich intensiv mit diesem Thema beschäftigte. Die zweite Fragen ist dann meistens: Ist das eine Beeinträchtigung? Ist das diagnostizierbar? Es wird sofort etwas Pathologisches darunter vermutet. Dann erkläre ich, dass die Hochsensibilität schlichtweg eine ganz normale Persönlichkeitseigenschaft ist, die tolle Fähigkeiten mit sich bringt.

Aber sind wir doch mal ehrlich, ich finde es gar nicht so abwegig, dass Menschen unter dem Begriff Hochsensibilität erst etwas anderes verstehen. Der Begriff klingt wie etwas „Besonderes“, in welche Richtung besonders, liegt dabei im Auge des Betrachters und kann nur durch genaue Erklärungen beeinflusst werden.

 

Sensibel zu sein ist etwas Besonderes und die normalste Sache der Welt zugleich.

Ich bin hochsensibel. Du bist hochsensibel. Ist daran etwas zu „hoch“ oder etwas von der Norm abweichend? Ich bezweifle das stark. Denn wenn nach Aussagen Elaine Arons 20 % aller Menschen hochsensibel sind, lassen wir es 15 % sein, dann kann diese Persönlichkeitseigenschaft nur die normalste Sache der Welt sein. Es gab schon immer Menschen, die besonders sensibel sind und sie machen einen wichtigen Teil unserer Gesellschaft und unseres Zusammenlebens aus.

In einem schönen Beitrag von Lea Hamann schreibt sie:„ Hochsensible Menschen sind das Nervensystem dieser Welt.“ Ich fand diese Aussage sehr beeindruckend. Wir sensible Menschen bringen im besonderen Maße Bewusstsein in die Welt und haben die Gabe, diese durch unsere Werte und unseren detaillierten Blick auf die Dinge mitzugestalten. Es ist eine wichtige Balance zu Menschen, die sich nur an Fakten orientieren und rein aus dem Verstand heraus handeln. Durch diese Vielschichtigkeit der Menschen kann ein wichtiger Ausgleich entstehen. Das können wir in Gruppe erkennen und auch bezogen auf das ganze menschliche System. Vielleicht findest Du ja diesen Aspekt auch in Deinen eigenen Beziehungen zu anderen Menschen.

 

HSP

 

Es kommt auf die Art an, wie wir diesen Begriff nutzen.

Ich merke immer wieder, wie sich Menschen durch den Begriff der Hochsensibilität in eine neue Schublade stecken. Wenn man es aus frühster Kindheit gewohnt bist, einen Stempel zu tragen, dann fühlt es sich für diese Menschen sicherer an, eine neue Schublade für sich selbst erwählen. Es gibt Selbsthilfegruppe und Gemeinschaften von Hochsensiblen, in denen Du sofort das Gefühl haben könntest, dass diese Menschen wirklich ihre Sensibilität als große Beeinträchtigung, vielleicht sogar unbewusst als eine Krankheit sehen. Besonders schwerwiegend ist es dann, wenn sich diese Menschen gemeinsam herunterziehen, anstatt sich zu bestärken.

Und ich möchte das wirklich nicht herunterspielen. Ich kenne selbst auch die Herausforderungen, die eine weit geöffnete Wahrnehmung mit sich bringt.Jedoch kommt es immer auf die Art an, wie ich mit diesem wichtigen Teil von mir umgehe.

 

Unsere persönliche Entwicklungsaufgabe, liegt darin gut mit unserer Sensibilität zu leben.

Diese Entwicklungsaufgabe braucht Kraft, Ausdauer und neue Wege, um gut mit der Sensibilität leben zu können. Es bedeutet unsere eigenen Bedürfnisse zu erkennen, und einen Lebensstil zu pflegen, in dem sich diese gut integrieren lassen. Das bedeutet manchmal, Abstriche machen zu müssen und seinen Lebenswandel zu verändern. Wir dürfen dabei lernen, gut für uns selbst zu sorgen. Dann können wir unsere Sensibilität immer mehr als Gabe zu entdecken, um unsere Fähigkeiten in unserem eigenen Tempo auszuleben.

Wenn wir lernen uns selbst stärker anzunehmen, erkennen wir das auch in unserer Feinfühligkeit etwas Individuelles und Einzigartiges steckt, dass sich nicht mit nur einem Wort oder einer allgemeinen Definition beschreiben lässt.

 

Berufung: Wir sollten uns nicht hinter unserem sensibel sein verstecken.

Wenn wir einen inneren Ruf spüren, jedoch die Hochsensibilität als Grund nutzen, um es nicht tun zu können, dann kann dieser Begriff einen negativen Einfluss auf unser Leben haben. Ich glaube, dass viele sensible Menschen, dadurch ihre eigentliche Berufung verfehlen. Neue Wege sind immer mit Furcht und Unsicherheiten verbunden, und wenn wir die Hochsensibilität für ein „Ich kann, nicht“ instrumentalisieren, kann dies unsere eigene Entwicklung beeinträchtugen.
Es beruhigt unsere Seele- für einen Moment. Jedoch kann diese Situation nicht dauerhafter Natur sein. Lässt dieser „Ruf“ vielen Menschen keine Ruhe.

 

Hochsensibilität bei Kindern.

Gerade bei sensiblen Kindern finde ich es besonders wichtig, dass wir ihnen nicht gleich von Anfang an ein bestimmtes Etikett verpassen, deswegen spreche ich bei Kindern nicht gerne von Hochsensibilität. Die Grenzen sind oft sehr fein. Viele Kinder leben ihre Sensibilität im Kindesalter stärker als im Erwachsenenalter aus. Durch bestimmte gesellschaftliche Strukturen und Normvorstellungen im Außen lernen sie oft sich anzupassen, um dazu zu gehören.
Anderen Kindern wiederum fällt es schwer mit diesem Gefühl des Anderseins umzugehen, welches meist mit dem Schuleintritt beginnt. Deswegen ist das wichtigste Ziel, dass sensible Kinder ihre Stärken entdecken und diese Leben können. Das geschieht im Austausch mit den Kindern. Sie dürfen erfahren, dass ihre Art der Wahrnehmung eine ganz besondere ist, welche sie mit vielen anderen Menschen auf dieser Welt teilen. Sie damit nicht allein sind. Die Aufgabe der Eltern und Pädagogen liegt darin, Kinder von Anfang dabei zu unterstützen, gut mit ihrer Sensibilität umzugehen. Und Methoden zu vermitteln, wie sensible Kinder in die Entspannung geführt werden können, um einen Ausgleich zu ihrem intensiven Erleben entstehen zu lassen.

Ich hoffe ich konnte Dir ein paar wertvolle Impulse zum Thema mitgeben und würde mich freuen, wenn Du Deine Gedanken dazu in einem Kommentar teilst.

Alles Liebe,

Denise

 

 

2 thoughts on “Hochsensibilität. Braucht es diesen Begriff wirklich?

  1. Liebe Denise
    Ich bezeichne mich gerne als hochsensibel, weil der Begriff für mich mit einer erleichternden Erkenntnis verbunden ist. Es hilft mir auch, liebevoller mit mir umzugehen. Denn ich kann manchmal sagen „Ich bin hochsensibel, daher nehme ich mir das mehr zu Herzen als andere“ und kann mich so besser akzeptieren als früher :-).
    Und ich denke, dass es diesen Begriff als gesellschaftlichen Begriff noch lange brauchen wird, um so etwas wie ein einheitliches Phänomen zu erklären. (Damit meine ich nicht, dass alle HSP gleich ticken, aber es gibt ja doch einheitliche Merkmale wie das lange Nachhallen und die grosse Wahrnehmungsfähigkeit.) Daher wird es auch noch lange Jahre Aufklärungsarbeit geben werden, wie Du es in Deinem Artikel beschreibst.
    Und klar, man kann wohl vieles auch als Ausrede nutzen, um die eigene Komfortzone nicht zu verlassen oder um anderen ein bisschen Verantwortung für das eigene Wohlergehen zuzuschieben („Ich bin hochsensibel, nimm also Rücksicht“). Die einen leiden mehr unter diesem Wesenszug, andere weniger, weil es vielleicht nicht so ausgeprägt ist. Hinzu kommt ja die Lebenserfahrung und die Kindheit.
    Fazit: Ich bin gerne hochsensibel und ich fände es schön, könnte dieser Begriff von den Hochsensiblen auch so positiv benutzt werden.
    Herzliche Grüsse, Alexandra

    1. Danke liebe Alexandra für Deinen Kommentar, es ist schön, dass Du gerne hochsensibel bist. Es ist ja schließlich auch eine schöne Eigenschaft, die wir erkennen, wenn wir nicht nur die Herausforderungen dabei sehen. Ich bin auch gerne sensibel 🙂 Der Artikel sollte ein Anstoß sein, den Begriff der Hochsensibilität zu beleuchten. Wie gesagt es ging mir um den Begriff und nicht was dahinter steht. Das heißt ich lehne den Begriff Hochsensibilität nicht ab, sondern fühle mich im Moment einfach mit anderen Bezeichnungen wohler. Ich hoffe auch, dass sich der Blick auf sensible Menschen in der Gesellschaft, im Besonderen auch auf sensible Kinder, verändern wird. Wir arbeiten daran, nicht wahr? <3 Alles Liebe Dir, Denise

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